WAS IST ZEN?
Nach dem Vortrag von Reinhard Busmann,
gehalten am 8.10.2011 anlässlich der Einweihungsfeier vom „Haus am Weg“
Warum haben wir hier so ein Haus gebaut?
Warum haben wir all die Mühe auf uns genommen? Warum haben wir es uns nicht einfach in unserem Privatleben gemütlich eingerichtet und es bei der alltäglichen Arbeit belassen?
Offensichtlich hat da etwas „in uns“ uns angetrieben, so dass wir alle diese Dinge getan haben, wovon andere denken mögen, dass es einfach verrückt ist, so etwas auf sich zu nehmen.
Es scheint aus dem ganz tiefen Wunsch zu entspringen, dass die Erfahrung, die aus der Zen-Übung kommt, viele Menschen machen mögen.
Was ist das für eine Erfahrung?
Was ist Zen?
Vom Wort her kommt Zen aus dem alten japanischen Wort „zenna“, dies wiederum aus dem chinesischen Wort „ch´an-na“ oder „chan“, was seinen Ursprung im Sanskrit hat: dort heißt es „dhyana“, was Versunkenheit oder Meditation bedeutet.
Aber worum geht es im Zen, etwa nur um Versunkenheit?
Nein, im Zen geht es in erster Linie um die Grundfragen des Lebens:
Woher komme ich?
Warum lebe ich hier?
Wohin gehe ich?
Wie kann echter Frieden entstehen?
Wollen wir dann hier Seminare in Lebensberatung geben und neue Lehren verkünden?
Nein – es gibt nichts zu lehren im Zen. Es geht zwar um alle Fragen des Lebens und in dem Sinne gibt es auf dem eigenen Weg und innerhalb der Begleitung durch den Zen-Lehrer immer wieder ganz wesentliche Erfahrungen und Erkenntnisse, aber es wird den Menschen nichts „übergestülpt“ oder beigebracht.
Zen ist keine Religion, Zen ist kein Lehrgebäude.
Es geht im Zen um etwas, was man nicht als Wissen vermitteln kann.
Um was geht es dabei?
Was machen wir hier denn überhaupt?
In der konkreten Übung des Zen geht es hauptsächlich um Sitzen und Schweigen, also Meditation.
Den Verstand und den Geist zur Ruhe kommen lassen.
Ruhig werden, abschalten, entspannen – das klingt oberflächlich wie ein neues Wellness-Angebot.
Durch die Meditation – das Ankommen in der eigenen Mitte – kehrt für viele Menschen lang ersehnte innere Ruhe ein.
Aus der Stille findet man oft neue Kraft. Es kommen lang vergessene, durch Stress und Hektik verschüttete eigene Qualitäten zum Vorschein.
Allein das ist es schon wert, in die Übung des Sitzens in der Stille zu gehen.
Aber Zen führt wesentlich tiefer.
Wir gehen also in die Stille, die Stille des Geistes und die Stille des Körpers.
Diese ganz einfache Übung ist
~ nur sitzen und ganz still sein,
~ den Atem ein und aus gehen lassen wie er kommt und geht,
~ nichts hinzufügen.
Dieses ganz Einfache ist die beste Übung – und für Viele erst einmal nicht so leicht.
Viele Gedanken kommen, es gibt den Drang sich zu bewegen, was Sinnvolles zu tun – es gibt doch immer so viel zu tun, was noch eigentlich getan werden muss.
Aber wer es einmal probiert hat, wird spüren, dass da etwas ganz Wesentliches angerührt werden kann in so einer Stille, etwas, was man nicht mit dem Verstand greifen oder beschreiben kann – wenn man es beschreiben will, ist es schon nicht mehr das Erlebte. Es ist etwas, was einen immer wieder zum Sitzen in der Stille zurück kommen lässt, weil man spürt, dass es gut tut, dass es einen in eine Tiefe führt, die man mit keiner „Methode“ erreichen kann.
Besondere, tiefe, nicht so recht mit Worten beschreibbare Erfahrungen haben schon viele Menschen einmal gehabt – in der Stille des Waldes oder einer Kapelle oder Kirche, wo man ganz allein war – und auf einmal wie eine andere Wahrnehmung da war.
Das ist etwas, wo man sich wieder hin sehnt. Etwas, das ganz Wesentliches in einem anrührt.
Dies kann einem geschehen, aber man kann es nicht machen.
Dies kann immer und jederzeit geschehen – aber die ganz einfachen Bedingungen, Stille, Bewegungslosigkeit des Körpers, Ruhe des Geistes sind die günstigsten dafür.
Daher nur Sitzen und Schweigen.
Aber sollen wir uns aus der Welt zurückziehen?
Was hat das mit den drängenden Problemen der Welt zu tun?
Kann sich denn irgendetwas verändern, wenn ich mich in die Stille zurückziehe?
Die Übung der Stille ist die Basis – und ist gleichzeitig die Übung des Alltags.
Hier sei einmal eingefügt, dass der Begriff „Übung“ von uns Deutschen meist mit Anstrengung und Mühe verbunden wird. Damit hat es aber nichts zu tun.
Im Englischen heißt es einfach „practice“, also das praktische Tun.
Dieses Üben ist also nicht als Mühe, sondern als Intensität des Daseins, des Bewusstseins zu verstehen.
Dass die Übung der Stille immer Übung des Alltags ist, zeigt sich zum Beispiel im „Samu“, der täglichen Arbeitszeit in jedem Zen-Kurs (der als mehrtägiger Kurs im Schweigen „Sesshin“ genannt wird).
Die Übung geht weiter im Alltäglichen, die Übung ist nicht getrennt von Alltag und Tun, die Übung ist der Alltag.
Und in jedem Tun können wir diese Stille wiederfinden.
Dies mehr und mehr zu erfahren ist der innere Weg.
Denn man befindet sich immer auf einem Weg der inneren Entwicklung – tiefe Erfahrung erschließt sich meist erst allmählich.
Unser Haus nennt sich ja auch „Haus am Weg“.
Es ist nicht ein Haus des Weges – hier wird kein Weg gelehrt.
Dies ist ein Haus, was nicht Sinn und Ziel der Übung ist, sondern was am Weg jedes Einzelnen liegt – mit einem Begleiter (was ein Zenlehrer immer sein sollte) und als Herberge auf dem Weg, um sich wieder neu zu orientieren.
Dieser Weg ist ein Weg zu mehr innerer Erfahrung, denn um Erfahrung geht es immer in der Übung.
Nicht Wissen, sondern nur Erfahrung kann das Bewusstsein weiter machen, kann uns innerlich wachsen lassen, kann uns reifer werden lassen.
Wenn ich nur davon spreche und es wie ein Wissen weitergebe, dass wir von Urbeginn an Erlöste sind, dass es keinen Tod gibt, weil die tiefste und absolute Realität die Ewigkeit im Gegenwarts-Augenblick ist, die nichts mehr mit Zeit oder Raum oder Bedingtheit zu tun hat, dann kann man das diskutieren, kann es anzweifeln, kann es als eine These neben anderen Modellen betrachten.
Aber die eigene Erfahrung, dass wir von Urbeginn an Erlöste sind, dass es keinen Tod gibt, weil die tiefste und absolute Realität die Ewigkeit im Gegenwarts-Augenblick ist, die nichts mehr mit Zeit oder Raum oder Bedingtheit zu tun hat, lässt keine Fragen mehr offen und gibt tiefen Frieden.
Erfahrung kommt aus eigenem Erleben aus der Stille heraus.
Tiefer Friede – das ist das, was sich aus der eigenen Erfahrung dieser absoluten Realität ergibt.
Und diese Erfahrung kann sich nur einstellen, weil wir alle unserem Wesen nach aus der Realität des von Urbeginn an Erlöstseins kommen – es ist wie ein Wiederfinden dessen, was wir vergessen haben. „Re-ligio“, also „Zurück-Bindung“ an die Ur-Realität, meint dies im besten Sinne.
Und erst aus diesem eigenen tiefen inneren Frieden kann ein echter äußerer Friede kommen.
Die ganzen Friedensbemühungen in der Welt sind zumeist völlig nutzlos und schlagen schnell ins Gegenteil um, weil sie aus Verstandes- und Willensgründen und nicht aus eigener tiefer Erfahrung entstehen.
Zum Schluss möchte ich noch kurz ein Koan vorstellen.
Ein Koan heißt wörtlich übersetzt „öffentlicher Aushang“. Es ist ein Satz oder eine kleine Geschichte – meist ein Gespräch zwischen einem Zen-Meister und seinem Schüler – in der die absolute Einsseins-Erfahrung des Gegenwarts-Augenblicks, die nicht mit Worten, mit dem Verstand oder mit irgendeinem Wissen ausdrückbar ist, aufscheint und so „öffentlich“ gemacht wird.
Dieses Koan stammt aus dem Mumonkan, einer Sammlung von Koans aus dem
13. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Es beschreibt eine Begebenheit aus dem alten China des 8. Jahrhunderts.
Der große Meister Joshu ist zu der Zeit noch Schüler bei seinem Lehrer Nansen.
Und so lautet dieses Koan:
„Joshu fragte Nansen in allem Ernst: „Was ist der Weg?“ Nansen antwortete: „Der alltägliche Geist ist der Weg.“ Joshu fragte: „Soll ich mich selbst darauf ausrichten oder nicht?“ Nansen sagte: „Wenn du versuchst, dich ihm zuzuwenden, wendest du dich von ihm ab.“ Joshu fragte: „Wenn ich nicht versuche, mich ihm zuzuwenden, wie kann ich wissen, dass es der Weg ist?“ Nansen antwortete: „Der Weg hat nichts zu tun mit Wissen oder Nicht-Wissen. Wissen ist Illusion. Nicht-Wissen ist ohne Bewusstsein. Wenn du den zweifelsfreien, wahren Weg wirklich erreicht hast, wirst du ihn erfahren als grenzenlos und leer wie den Weltraum. Wie kann man darüber sprechen auf einer Ebene von Richtig und Falsch?“
Bei diesen Worten war Joshu plötzlich erleuchtet.“
Ich möchte dieses Koan hier gar nicht im Detail kommentieren – obwohl es sehr viel zu jedem einzelnen Satz zu sagen gäbe.
Hier nur so viel: es geht um einen inneren Weg, eine innere Entwicklung, eine Entwicklung des Bewusstseins.
Dieses Koan ist wie ein Leitbild für unser Haus am Weg.
Silvia Ostertag, meine Zen-Lehrerin, die eine hervorragende Zen-Meisterin war und im März 2011 gestorben ist, schreibt in einem ihrer Bücher:
Die alten Meister sagen:
„Alltag ist der Weg.“
Manche Menschen
verstehen das so,
dass man auch im Alltag
seinen inneren Übungsweg
verfolgen sollte.
Das sagen die alten Meister
aber nicht.
Sie sagen:
„Alltag ist der Weg.“
Wie kann man dann
fürchten,
der Alltag könnte
einen vom Weg abbringen?
Alltag selbst
ist selbst der Weg.
Dieser mein Alltags-Augenblick,
er allein,
ist der Weg.
Wie durchdrungen unser Alltag schon von Stille und tiefen Erfahrungsmöglichkeiten ist, wird uns erst durch den regelmäßigen Rückzug in die Stille bewusst.
Diese sinnstiftende und mit Frieden erfüllende Erfahrung einer tiefsten, absoluten Realität kann durch den eigenen Zen-Weg nach und nach erschlossen werden.
